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Careleaver: Frühe Herausforderungen, wenig Absicherung

  • Autorenbild: Clara Baumann
    Clara Baumann
  • vor 4 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Ein Beitrag von Clara Baumann  


Auf diesem Titelbild sieht man einen Teil von einem jungen Menschen. Die Person trägt einen weißen Pulli und eine braune hose und legt gerade ein grünes Oberteil auf dem Boden sitzend zusammen. Daneben liegt schon eine weiße zusammengelegte Hose, ein Handy und eine Rolle Klebeband. Die Person selbst sitzt in einem warmen hellen Zimmer und hat im Hintergrund Kartons stehen.
Foto von 琢也 栂 auf Adobe Stock

Es gibt internationale Feiertage, die den Allermeisten bekannt sind. So beispielsweise der Weltkindertag am 20. November, an dem auf die Rechte, das Wohlergehen und die Lebenssituation von Kindern weltweit aufmerksam gemacht wird. Oder der 8. März, der Internationale Frauentag, an dem häufig gefeiert und für mehr Gleichstellung sowie gegen Gewalt an Frauen demonstriert wird.  

Dann gibt es eine Kategorie international gefeierter Tage, über die ich regelmäßig verwundert bin: Den Welt-Nudel-Tag am 25. Oktober. Zugegeben, auch ich esse mindestens einmal pro Woche Spaghetti, Penne oder Fusilli, aber ein Feiertag? Im Ernst?   



Care Day  


Es gibt aber noch eine dritte Kategorie an international gefeierten Tagen. Tage, die bisher wenig bekannt sind, die aber auf sehr wichtige, gesellschaftliche Themen verweisen: So der Care Day [i], der immer am dritten Freitag im Februar begangen wird, dieses Jahr also am 20. Februar.  

Der Care Day [ii] schafft einen Anlass, junge Menschen, die Jugendhilfestrukturen wie Wohngruppen oder Pflegefamilien verlassen, zu feiern und zu würdigen. Das heißt ihre Erfahrungen anzuerkennen, ihre Perspektive sichtbar zu machen und ihre Communities und Vernetzungsstrukturen zu stärken.  

Der Care Day ist also Careleavern gewidmet. Oder auch Care Leavern, Careleaver:innen, Care Leaver*innen und Careleavers. Während über die Schreibweise häufig Uneinigkeit herrscht, so ist ein anderer Aspekt unstrittig: Careleaver sind im Vergleich zu Gleichaltrigen, die nicht im Jugendhilfekontext betreut wurden, vor besondere Herausforderungen gestellt. Diese Herausforderungen betreffen verschiedene Bereiche, die sich meist aufeinander beziehen [iii]: Wohnen, Ausbildung, soziale Beziehungen und die eigenen Finanzen. Gemeinsam prägen diese Dimensionen der frühen Selbständigkeit die Leaving Care [iv] -Phase. 


Finanzielle Herausforderungen  

Frühe Selbstständigkeit ohne Sicherheitsnetz 


Careleaver müssen in der Regel deutlich früher als Gleichaltrige allein zurechtkommen, oft schon mit 18 bis 21 Jahren, denn Unterstützung durch die Jugendhilfe ist an Altersgrenzen gekoppelt, nicht an die realen Unterstützungsbedarfe der jungen Menschen. Dadurch sind sie gezwungen, früh in ihrer Biografie eigenständig Mietverträge, Versicherungen und Haushaltsausgaben zu organisieren und zu finanzieren. Diese oft unfreiwillig frühe Selbstständigkeit ist gekoppelt an ein fehlendes oder brüchiges familiäres Sicherheitsnetz. Auf Unterstützung durch Eltern oder Verwandte, die in finanziellen Notlagen einspringen können, kann meist nicht zurückgegriffen werden. Es fehlen zudem finanzielle Rücklagen, die durch familiäre Strukturen häufiger vorhanden sind.  


Wohnen, Rücklagen und strukturelle Engpässe 


Zugang zu ohnehin knappem Wohnraum ist für Careleaver durch Kautions- oder Bürgschaftsforderungen zusätzlich erschwert. Auch Gelder für die Einrichtung einer Wohnung, die zwar durch staatliche Leistung bereitgestellt werden, schwanken regional stark und sind überwiegend zu knapp bemessen. 

Auf eigene finanzielle Ressourcen können Careleaver zurückgreifen, die während ihrer Zeit in Care etwas Geld ansparen konnten, etwa durch einen Nebenjob [v]. Dies trifft jedoch nur auf einen Teil der Careleaver zu und angesichts einzurichtender Wohnungen, geringer Ausbildungsvergütungen oder unvorhersehbarer Ausgaben für Reparaturen, Gesundheit oder Mieterhöhungen, ist Erspartes zügig aufgebraucht.  


Kredite, Verschuldungsrisiken und finanzielle Bildung 


Die finanziellen Belastungen können auch bei sorgfältiger Finanz- und Budgetplanung schnell zu finanziellen Problemen führen. Undurchsichtige Verträge, wie kostenintensive Handy-Vertragsabschlüsse, schnell verfügbare Konsumkredite mit hohen Zinsen- und Mahngebühren, wie sie bei jungen Menschen in Form von „Buy now, pay later“ (BNPL)-Angeboten [vi] recht verbreitet sind, erhöhen das Risiko einer Verschuldung.  

Auch ein Mangel an finanzieller Bildung spielt eine Rolle. Viele Careleaver hatten in ihrer Kindheit und Jugend nur begrenzt Gelegenheit, den Umgang mit Geld zu erlernen, denn finanzielle Bildung findet in der Schule kaum statt. Stattdessen sind es häufig die Eltern, die das finanzielle Wissen und Verhalten beeinflussen. Der Wissensstand von Careleavern hängt also einerseits von familiären Prägungen ab und andererseits davon, ob und wie das Thema in der Wohngruppe oder Pflegefamilie thematisiert wurde. Häufig fehlt es Careleavern aber an Wissen über Themen wie Budgetplanung, Versicherungen oder Sparstrategien. Damit sind Careleaver nicht allein. Für unter 25-Jährige ist der Mangel an finanzieller Bildung auch im Jahr 2025 mit 12 Prozent einer der Top-5-Gründe für Überschuldung [6].  

Einerseits bergen Kredite, wie BNPL, Risiken. Andererseits können Kredite aber auch helfen, schwierige finanzielle Situationen zu überbrücken, Notlagen abzuwenden oder in Bildung, Qualifizierung und Mobilität zu investieren. Careleaver erleben aber oft einen eingeschränkten Zugang zu Krediten und Sicherheiten. Banken sind bei der Kreditvergabe oft zurückhaltend, wenn Sicherheiten oder ein stabiles Einkommen fehlen. Dadurch haben Careleaver Schwierigkeiten, größere Anschaffungen zu finanzieren.  

 

 

Dieses Bild zeigt das Cover vom Careleaver Finanz Leitfaden. Darauf steht geschrieben: Ein finanzieller Ratgeber für Sozialarbeiter:innen, Sozialpädagog:innen, Erzieher:innen und Pflegeeltern )ganz oben in weiß auf orangenem Hintergrund). Dann steht auf dem Hauptbild darunter auf einem Türkisen Hintergrund; Careleaver und Finanzen. Darunter in ein bisschen kleinererschrift, die Unterüberschrift: Tipps für eine gute Begleitung von der Jugendhilfe in die Selbstständigkeit. Darunter sieht man eine Grafik von vier divers aussehenden jungen Menschen, die alle im Kreis stehen und ihre Hände übereinander wie einen kleinen Händeturm stapeln. Dabei grinsen sie sich gegenseitig an und schauen fröhlich erfreut. Ganz unten sieht man auf weißem Hintergrund die Logos von den Organisationen, die das Ganze mitfinanziert hat. Das ist einmal das Institut für Finanzdienstleistungen, das Bundesministerium für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend, dann die Stiftung für private Überschuldungsprävention und zu guter Letzt gefördert durch das Rahmenprogramm der Empirischen Bildungsforschung.
Clara Baumann, 2026

Leitfaden für die Praxis 


Strukturelle Probleme bedürfen struktureller Lösungen. Verbesserte Regelungen darüber, wie lange junge Menschen auf (Jugend-)Hilfe Strukturen zurückgreifen können, müssen rechtlich verankert und flächendenkend in der Praxis implementiert werden [vii].  

Einem Mangel an finanzieller Bildung kann man jedoch bereits jetzt begegnen, indem man seitens der Einrichtungen, Fachkräfte und Pflegefamilien die finanzielle Bildung fördert und aufbaut.  

Zu diesem Zweck haben wir am institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff) [viii] in Hamburg, gefördert durch die Stiftung Deutschland im Plus, vergangenes Jahr einen Leitfaden entwickelt, der Fachkräften einen Überblick über grundlegende finanzielle Themen bietet und Lern- und Gesprächsanlässe offeriert, um finanzielle Themen mit jungen Menschen in Care und in der Care-Leaving-Phase aufzugreifen. Der Leitfaden „Careleaver und Finanzen. Tipps für eine gute Begleitung von der Jugendhilfe in die Selbstständigkeit[1] ​​beinhaltet Themen wie Budgetplanung, Rücklagenbildung, Konto und Kredite, Rente und Altersvorsorge, staatliche und nichtstaatliche Unterstützungsleistungen, Versicherungen, Umgang mit Schulden sowie Wohnungssuche und Wohnen. Auch zu grundlegenden Kompetenzen, wie Anträge stellen oder der Kommunikation mit Behörden, finden sich im Leitfaden auf die Situation von Careleavern zugeschnittene Hinweise. Der Leitfaden wird abgerundet durch praktische Checklisten und eine Linksammlung zu weiterführenden Bildungs- und Informationsangeboten sowie Beratungsstellen.  


Notwendigkeit weiterer Forschung 


In den vergangenen Jahren ist ein deutlicher Zuwachs an Forschung zum Thema Leaving Care zu verzeichnen. National wie international stehen dabei vor allem strukturelle Herausforderungen und Unterstützungsdefizite im Übergang aus der Jugendhilfe in die Selbstständigkeit im Fokus. Untersucht werden unter anderem Teilhabemöglichkeiten in verschiedenen Lebensbereichen sowie institutionelle und rechtliche Rahmenbedingungen von Übergängen in die Selbstständigkeit, häufig auch im internationalen Vergleich [2, 3, 4, 7, 8]. Obwohl die Forschung zu Leaving Care in den letzten Jahren deutlich gewachsen ist, bleibt die ökonomische Dimension der Übergänge aus der Jugendhilfe bislang randständig.  

Vor diesem Hintergrund setzt das im Jahr 2025 gestartete und vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) geförderte Projekt FiBiCare (Finanzielle Bildung in vulnerablen Lebenslagen) an. Ziel ist es, finanzielle Bildung partizipativ gemeinsam mit Careleavern aus unterschiedlichen Regionen Deutschlands zu erforschen und bedarfsgerechte Bildungsmaterialien zu entwickeln. Der Leitfaden „Careleaver und Finanzen“ wurde im Projektverlauf bereits aktualisiert; weitere Materialien werden folgen und künftig über die Website des institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff) zur Verfügung gestellt.  

 

 


Hier ist ein Bild der Autorin Clara Baumann. Sie hat dunkle braune Haare mit einem Poni der ihr über die Stirn fällt. Sie lächelt freundlich, neugierig und wissbegierig. Sie trägt einen samtigen dunkelgrünen Blazer ein schwarzes Oberteil darunter und eine schlichte Kette am Hals. Der Hintergrund des Bildes ist dunkel. Es ist ein Portrait.
© Studioline Photography  

Clara Baumann ist wissenschaftliche Referentin am institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff) in Hamburg, einem gemeinnützigen Forschungsinstitut, das zu Fragen des finanziellen Verbraucherschutzes forscht und berät. Dort forscht die Erwachsenenbildnerin (M.A.) zu Themen der finanziellen Bildung. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf den Themen Leaving Care und Überschuldung. Dazu forscht sie partizipativ mit den jeweiligen Zielgruppen und entwickelt praxisnahe Bildungsmaterialien wie Leitfäden oder Podcasts.   




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Bibliografie:

  1. ​Baumann, Clara; Lenze, Jana; Peters, Sally (2025): Careleaver und Finanzen: Tipps für eine gute Begleitung von der Jugendhilfe in die Selbständigkeit: Universität Hildesheim.

  2. Ebner, Sandra (2025): Die finanzielle Situation von SOS-Ehemaligen. Ergebnisse aus der SOS-Längsschnittstudie 2022. Hg. v. SOS Kinderdorf. SOS Kinderdorf. München. 

  3. Jackson, Sonia; Cameron, Claire (2012): Leaving care: Looking ahead and aiming higher. In: Children and Youth Services Review 34 (6), S. 1107–1114.

  4. Lechner, Gerhard; Craß, Ninnia; Kraleva, Dashenka; Scharer, Veronika; Iwański, Jakub; Giraud, Sébastien (2018): Financial Education for Child and Youth Care Practitioners. In: Journal of Accounting, Business and Finance Research 2 (2), S. 55–63. Online verfügbar unter https://scipg.com/index.php/102/article/view/124?

  5. Moravec, Doris; Mitterfellner, Elisabeth (2024): Wenn der Auszug aus der Kinder- und Jugendhilfe zur Bruchstelle wird. In: [um]bruch:BLOG,  (Verein [um]bruch:stelle, ed). https://www.umbruchstelle.at/post/wenn-der-auszug-aus-der-kinder-und-jugendhilfe-zur-bruchstelle-wird

  6. Peters, Sally; Roggemann, Hanne; Größl, Ingrid; Berndt, Caro (2025): iff-Überschuldungsreport 2025. Unter Mitarbeit von Henri Thomas. Hg. v. institut für finanzdienstleistungen e.V. (iff).

  7. Strahl, Benjamin; van Breda, Adrian Plessis; Mann-Feder, Varda; Schröer, Wolfgang (2021): A multinational comparison of care-leaving policy and legislation. In: J. int. comp. soc. policy 37 (1), S. 34–49.

  8. Verbund Care Leaver Statistics (Hg.) (2025): Teilhabe und Zukunftswünsche. Ergebnisse der ersten Befragungswelle der CLS-Studie. Band 1 der Reihe Leaving Care: Beltz Juventa.



[i] Die Fachtagung am Care Day findet heuer in Innsbruck statt. Programm und Anmeldung zu finden unter: https://eveeno.com/care-day-2026


[ii] Der Care Day wurde erstmal 2016 in England und Irland begangen und erlangt seitdem stetig und weltweit an Aufmerksamkeit.


[iii] Das iff ist ein seit 1987 bestehendes gemeinnütziges Forschungsinstitut, das sich mit Fragen rund um finanzielle Bildung und finanziellen Verbraucherschutz befasst.


[iv] Siehe hierzu auch die Präsentation von Martine Tobé am Care Day Fachtag 2024: https://www.umbruchstelle.at/_files/ugd/d018c8_2ae3c784dafa49adb1aa38ad9aeef9b2.pdf


[v] Die Bezeichnung Leaving Care wird in der Forschung international für die Beschreibung der Übergänge aus der KJH-Betreuung ins Erwachsenenleben verwendet [5]

[vi] Baumann, Clara: Schulden und Erwachsenwerden: Ausgangslage, Risiken und Präventionsansätze - Präsentation von Clara Baumann d018c8_e2c5580b7ea745ce85c82fd59605f620.pdf


[vii] In Österreich ist die Debatte um Rückkehrrecht und Recht auf Verlängerungen der Kinder- und Jugendhilfe eine Debatte seit der "Verländerung" der Kinder- und Jugendhilfe.

(1. Januar 2020 – Durch eine Novelle des Bundes-Verfassungsgesetzes (B-VG) wurde die Gesetzgebungskompetenz zur Kinder- und Jugendhilfe vollständig auf die Bundesländer übertragen (im Rahmen der sogenannten “Verländerung”). Gleichzeitig trat eine Vereinbarung nach Art. 15a B-VG in Kraft, wonach die Länder sich verpflichten, die bisherigen Mindeststandards und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe fortzuführen. )

Der Dachverband der Österreichischen Kinder- und Jugendeinrichtungen (DÖJ) hat hier das Positionspapier: DÖJ. Dachverband Österreichischer Kinder & Jugendhilfeeinrichtungen




Weiterführende Links: 


  


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