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  • AutorenbildDoris Moravec & Lilli Mitterfellner

Wenn der Auszug aus der Kinder- und Jugendhilfe zur Bruchstelle wird.

Ungleiche Startbedingungen ins Erwachsenenleben für Care Leaver. ein Beitrag von Doris Moravec und Lilli Mitterfellner, Vorstands- und Gründungsmitglieder der [um]bruch:stelle

 


Foto von Devin Avery auf Unsplash


Nicht alle Kinder können bei ihren Eltern aufwachsen. Das ist auch vielen Personen außerhalb des Sozialbereichs bewusst. Was das für diese jungen Menschen bedeutet, wie es sich auf ihr weiteres Leben auswirken kann und welche Rolle die Kinder- und Jugendhilfe (KJH) dabei spielt, ist häufig weniger bekannt. Rechtzeitig zum International Care Day[i] am 16. Februar 2024 beschäftigen wir uns deshalb in diesem Artikel mit den Lebensrealitäten von Care Leavers[ii], um ihre besonderen Herausforderungen über Fachdiskurse hinaus bekannter zu machen.

 

Als Care Leaver werden junge Menschen bezeichnet, die ihre Kindheit zumindest teilweise in der stationären KJH („care“) verbracht haben, und entweder kurz vor oder nach dem Verlassen („to leave“) dieser stehen [11]. Maßnahmen dieser Art müssen getroffen werden, wenn eine Kindeswohlgefährdung, z.B. aufgrund von Sucht, Gewalt, psychischer Erkrankung oder Vernachlässigung in der familiären Umgebung, festgestellt wurde. Diese sogenannte ″Fremdunterbringung“ kann sowohl durch die erweiterte Familie, Pflegefamilien als auch sozialpädagogische Einrichtungen gewährleistet werden und ist im ABGB §177-185 geregelt. In Österreich endet das gesetzliche „Schutzmandat“ [10] KJH mit Erreichen der Volljährigkeit, also dem 18. Geburtstag. Im Anschluss können die Hilfen für junge Erwachsene maximal bis zum 21. Geburtstag bezogen werden – allerdings gibt es darauf keinen Rechtsanspruch [4]. Diese Jungen Erwachsenen haben also z.T. Schreckliches erlebt, müssen aber bereits mit 18 Jahren auf eigenen Beinen stehen (können).


Gleichzeitig hat sich das Erwachsenwerden in den letzten Jahrzehnten stark verändert (siehe dazu den November-BLOG). Während dieser Übergang für alle jungen Menschen gewisse Herausforderungen birgt, sind Care Leaver insbesondere in dieser Zeit gegenüber Gleichaltrigen sozial und strukturell benachteiligt [15]: Nach der Beendigung der Betreuung durch die KJH, sind sie bei Anforderungen, Sorgen und Unsicherheiten im Alltag meist auf sich allein gestellt. Dazu gehören Fragen rund um Wohnen, Finanzen, (Aus-)Bildung, physische und psychische Gesundheit, Beziehungen u.v.m. Während viele sich hilfesuchend an Familie, Freund*innen oder andere Bezugspersonen wenden können, haben Care Leaver oftmals kaum Personen, die sie in Notsituationen unterstützen können [15]. Kombiniert mit ihrem von Abbrüchen und Verletzungen geprägten Lebenslauf, führt dies mitunter dazu, dass Care Leaver häufiger von Armut, Wohnungslosigkeit, gesundheitlichen Problemen, Sucht, Straffälligkeit und anderen Problemen betroffen sind als ihre Peers im gleichen Alter [8, 9, 13]. Die Wiener Wohnungslosenhilfe berichtet von einer besorgniserregenden Entwicklung von jungen erwachsenen Care Leavers, die in diesen Problemlagen bei ihnen andocken, aber auf einen Mangel an zielgruppenspezifischen Angeboten stoßen [1, 12].


Eine zentrale strukturelle Benachteiligung erfahren Care Leaver auch dadurch, dass sie gewissermaßen in eine Selbstständigkeit gedrängt werden – und das viel früher als die meisten anderen Jungen Erwachsenen: Während das Alter des ersten Auszugs von zu Hause 2022 in Österreich im Durchschnitt bei 25,3 Jahren lag [5], müssen Care Leaver dies meist mit Erreichen des 18. Geburtstags, bzw. bei Verlängerungen spätestens mit 21 Jahren tun. Und das, obwohl es sich bei der Zielgruppe meist um Personen handelt, die Traumata und existenzielle Krisen aus ihrer Kindheit verarbeiten müssen. Strukturell vorgegebene, verdichtete Übergänge dieser Art führen mitunter zu weiteren Verzögerungen in individuellen Entwicklungsprozessen, sowie Bruchstellen im Lebenslauf dieser Jungen Erwachsenen, die vermeidbar wären [9].


Langsam tut sich nun aber auch in Österreich etwas für die Zielgruppe. In einigen Bundesländern[iii] gibt es heute Angebote für Care Leaver, die nach Beendung der Betreuung noch Unterstützungsbedarf haben: In Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Wien wurden leicht divergierende Beratungsangebote etabliert, die unterschiedlich gut konzipiert sind bzw. angenommen werden. Im Burgenland wurde Care Leavers mittels Gesetzesnovelle 2021 ein Recht auf Unterstützung durch die KJH bis zum 24. Lebensjahr zugesprochen, sowie die Möglichkeit einer ”Rückkehr" in die KJH für bereits ausgezogene Personen geschaffen (detailliert im Bgld. KJHG, LGBl. Nr.78/2021). Weitere Vorzeigebeispiele kommen aus Kärnten: Zwei eigene Care Leaver-Anlaufstellen (Klagenfurt und Villach) sollen dort als Schnittstelle zwischen der Jugend- und Erwachsenenhilfe fungieren und somit eine wesentliche Versorgungslücke am Übergang ins Erwachsenenleben ausgleichen. Ihr niederschwelliges Angebot umfasst u.a. Räumlichkeiten für Begegnung, gemeinsames Kochen, Beratungen, Peer-Mentoring, u.v.m.


Ebenso in Kärnten konnte der Selbstvertretungsverein Care Leaver Österreich 2023 wieder neu Fahrt aufnehmen. Gegründet 2019 infolge eines EU-Projekts, wurde es im Zuge der Corona-Krise ruhig um den ehrenamtlichen Verein. Das Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universität Klagenfurt, welches seit einigen Jahren auch die Adresse für österreichische Forschungsarbeiten rund um Care Leaver und Leaving Care[iv] sind, unterstützte dabei tatkräftig.


Mit einer starken Stimme für die Interessen und Bedürfnisse von Care Leavers wird der Verein auch bei der diesjährigen Fachtagung zum International Care Day am 16. Februar 2024 in Wien vertreten sein (https://eveeno.com/careday). Dieses Mal wird der Fokus dieses Tages ausgeweitet und legt die Aufmerksamkeit auf alle Jugendlichen, Jungen Erwachsenen und Care Leaver, die in ihrem Erwachsenwerden strukturell benachteiligt und/oder von prekären Wohnverhältnissen bedroht sind. Damit greift die diesjährige Fachtagung das zentrale Thema der [um]bruch:stelle auf – welche ebenso vor Ort sein wird.


All diese Entwicklungen deuten in die richtige Richtung – sind aber noch lange nicht „der Weisheit letzter Schluss“, wie sich viele Fachkräfte einig sind. Da wäre zum Beispiel die Ungleichbehandlung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter[v]: Zwar ist die Obsorge für den Fall einer Kindeswohlgefährdung in Österreich klar geregelt, flüchten aber Kinder allein nach Österreich – und sind dadurch großen Gefahren ausgesetzt – streiten sich Bund und Länder, wann die Obsorge für die Minderjährigen in wessen Verantwortung übergehen soll. Zusätzlich müssen unbegleitete minderjährige Geflüchtete im Rahmen der Grundversorgung mit deutlich weniger finanziellen Ressourcen betreut werden. All das mit drastischen Auswirkungen für die Betreuung im Kindesalter, wie auch ihre Chancen als Junge Erwachsene [2, 3].[vi]


Darüber hinaus macht es die gesetzliche Situation der KJH in Österreich[vii] nahezu unmöglich, flächendeckend qualitativ hochwertige und vergleichbare leaving care-Prozesse zu gewährleisten [6]. Dazu zählt, dass sich die Bedingungen für eine Verlängerung der Betreuung in den Bundesländern teilweise gravierend unterscheiden [10]. Dieser Umstand der ”Verländerung“ der KJH wird in Fachkreisen, etwa vom Dachverband Österreichischer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen (DÖJ), der Plattform Jugendhilfe 18+, der Kinder- und Jugendanwaltschaft, der AG Junge Wohnungslose wie auch der [um]bruch:stelle, wiederholt kritisiert. Obgleich eine verbesserte Versorgungslage für Care Leaver sowohl in das Regierungsabkommen der Bundesregierung sowie der Wiener Landesregierung Eingang gefunden hat, konnte in Wien bis dato nur ein begrenztes Beratungsangebot durchgesetzt werden, und Verbesserungen auf Bundesebene bleiben weiter aus.

 

Was braucht es also, um Care Leaver besser bei ihrem Übergang in die Selbständigkeit zu unterstützen, und zu vermeiden, dass dieser zur Bruchstelle wird?

 

  • Rechtsanspruch auf eine Verlängerung der KJH-Betreuung sowie die Möglichkeit, in diese zurückzukehren, wenn später realisiert wird, dass es doch noch gut wäre, diese Form der Unterstützung zu bekommen.

  • Zielgruppenspezifische Bedarfe und Bedürfnisse müssen als Ausgangspunkt für die Zuerkennung von Unterstützungsleistungen herangezogen werden, nicht bereits erbrachte Leistungen oder formale Kriterien. Dabei ist auf die Individualität und Heterogenität von Biografien, Ressourcen und Problemlagen Rücksicht zu nehmen.

  • Aktiv gestaltete Übergänge von einem Betreuungssetting zum nächsten bzw. in die Selbständigkeit, um Beziehungsübergänge zu ermöglichen und harte Abbrüche zu vermeiden.

  • Langfristig leistbarer und gesicherter Wohnraum inklusive einer zielgruppenadäquaten Begleitung am Weg in die Selbstständigkeit.

 

 


Doris leitet seit 2018 das Projekt Care Leaver Mentoring und seit Anfang 2023 berät sie im Rahmen der Care Leaver-Beratungsgutscheine Junge Erwachsene in Wien. Ihre Masterarbeit über Wohnerfahrungen,-herausforderungen und -perspektiven junger erwachsener Care Leaver in Wien kann hier nachgelesen werden. Bei der [um]bruch:stelle übernimmt sie die Funktion der Obfrau-Stellvertreterin.

 

Lilli ist seit vielen Jahren als Sozialarbeiterin in Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe und Kinder- und Jugendhilfe tätig. Derzeit arbeitet sie als stellvertretende Leitung einer Regionalstelle der MA11. Durch ihre Erfahrung in beiden Berufsfeldern hat sie stets die Herausforderungen Junger Erwachsener sowie die Schnittstelle zwischen Minderjährigkeit und Volljährigkeit im Fokus. Bei der [um]bruch:stelle übernimmt sie die Funktion der Obfrau.


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Rechtsquellen

-      Allgemeines bürgerliches Gesetzbuch (ABGB) idF BGBl. I Nr. 182/2023.

-      Burgenländisches Kinder- und Jugendhilfegesetz (Bgld. KJHG) idF LGBl. Nr. 62/2013


Bibliographie

  1. AG Junge Wohnungslose. 2021. Über den Bedarf eines Gesamtkonzepts für junge Erwachsene in der Wohnungslosenhilfe. Wien: Arbeitsgruppe Junge Wohnungslose.

  2. Asylkoordination Österreich. 2022. Fluchtwaisen in Österreich. https://www.asyl.at/de/wir-informieren/kompakt/kinderfluechtlinge/fluchtwaisen-in-oesterreich/.

  3. Asylkoordination Österreich. o.J. Kinderflüchtlinge: Asyl- und Fremdenpolizeiliches Verfahren und Rückkehr. https://archiv2022.asyl.at/de/themen/kinderfluechtlinge/asylverfahrenfuerfluchtwaisenumf/index.html.

  4. Bundeskanzleramt. 2023. Kinder- und Jugendhilfestatistik 2022. Wien: Bundeskanzleramt.

  5. eurostat. 2023. Estimated average age of young people leaving the parental household by sex.

  6. FICE Austria. 2019. Qualitätsstandards für die stationäre Kinder- und Jugendhilfe. Wien: Plöchl.

  7. FICE Austria. 2020. Care Day 2020 – BE THE CHANGE. Gleiche Chancen für Care Leaver. https://www.fice.at/care-day.

  8. Hagleitner, Wolfgang; Sting, Stephan; und Maran, Thomas. 2022. Socio-economic status and living situation of care leavers in Austria Children and youth services review 142: 1-9.

  9. Matthes, Lisa-Maria. 2021. Das gelingende Leben. Die soziale Benachteiligung der Care Leaver am Übergang von der stationären Jugendhilfe in die Selbstständigkeit. In Soziale Innovationen. Erkenntnisse aus der Praxis für die Handlungstheorie der Sozialen Arbeit, edited by Claudia Rahnfeld, Sibylle Plunger und  Ekkehard Rosch. Wiesbaden: Springer.

  10. Schatz, Christine. 2022. Der Übergang aus der stationären Jugendhilfe. Eine Studie zum Erleben junger Frauen in Österreich. Schriftenreihe der ÖFEB-Sektion Sozialpädagogik. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich.

  11. Sievers, Britta; Thomas, Severine; und Zeller, Maren. 2021. Jugendhilfe – und dann? Zur Gestaltung der Übergänge junger Erwachsener aus stationären Erziehungshilfen. Frankfurt am Main: IGfH-Eigenverlag.

  12. Verband Wiener Wohnungslosenhilfe. 2023. Jung und wohnungslos in Wien. Ein Teil der Stadt? Situationsbericht 2023. Wien.

  13. Wade, Jim, und Dixon, Jo. 2006. Making a home, finding a job: investigating early housing and employment outcomes for young people leaving care. Child & Family Social Work 11: 199–208.

  14. Who Cares? Scotland. o.J. Care Day. https://www.whocaresscotland.org/care-day/.

  15. Zeller, Maren, und Köngeter, Stefan. 2013. Übergänge in der Kinder- und Jugendhilfe. In Handbuch Übergänge, edited by Wolfgang Schröer, Barbara Stauber, Andreas Walther und  Lothar Böhnisch. Weinheim, Basel: Beltz Juventa.


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[i] Der International Care Day wurde 2016 in Schottland etabliert, um der Zielgruppe Care Leaver und ihren besonderen Herausforderungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken [14] . 2020 fand erstmals in Österreich eine Fachtagung mit diesem Fokus statt [7]. Seitdem wird dieser Tag jährlich auch in Österreich dafür genutzt, politischen Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. So auch wieder am 16. Februar 2024.

[ii] Da es im deutschen Sprachraum keine Alternative zum englischen Begriff Care Leaver gibt, hat sich die [um]bruch:stelle entschieden, den Begriff im englischen Original, im Singular und Plural, ohne deutscher gendergerechter Endung zu verwenden.

[iii] Die hier zur Verfügung gestellten Informationen stammen aus Vernetzungstreffen, insbesondere der Plattform Jugendhilfe 18+.

[iv] Die Bezeichnung Leaving Care wird in der Forschung international für die Beschreibung der Übergänge aus der KJH-Betreuung ins Erwachsenenleben verwendet.

[v] Die Ungleichbehandlung von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten ist ein eigenes, umfangreiches Themenfeld, welches hier nur angeschnitten werden kann. Wir werden uns bemühen, in einem späteren BLOG-Artikel spezifischer darauf einzugehen.

[vi] Siehe dazu auch den Profil-Artikel vom 15.01.2024 zu der aktuellen Situation von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in Österreich.

[vii] Seit der Novelle zum Bundes-Verfassungsgesetz BGBl. I 14/2019 (In Kraft getreten mit 01.01.2020) liegt die Hauptverantwortung der Umsetzung der Kinder- und Jugendhilfe in der Zuständigkeit der Bundesländer – was zu großen Unterschieden in der Ausführung u.a. der stationären Erziehungshilfen führte. Siehe dazu auch die OTS-Aussendung des DÖJ: „Die Versteinerung der Kinder- und Jugendhilfe! ‚Weiterentwicklung der Jugendhilfe ist in Österreich gestoppt!‘ warnt der DÖJ“.

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