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EU-SILC 2025: Ist der Sozialstaat für Jugendliche und Junge Erwachsene noch armutsfest?

  • Autorenbild: Florian Eder
    Florian Eder
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Ein Beitrag von Florian Eder, Geschäftsführer der [um]bruch:stelle.


Vor wenigen Wochen wurden erneut die EU-SILC-Daten veröffentlicht – eine der wichtigsten Datenquellen über die Lebensverhältnisse in der EU. Neben Kennzahlen zum Wohnen oder zur Gesundheit umfasst das Datenset auch Kennzahlen zu Armuts- und Ausgrenzungsgefährdung. Die EU-SILC-Zahlen sind daher auch für die [um]bruch:stelle eine wichtige Grundlage, um gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten.

 

Ohne Mittel ins eigene Leben


Die EU-SILC-Daten ermöglichen – anders als viele Datensätze – auch Beobachtungen und Schlussfolgerungen für Jugendliche und Junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren. In dieser Altersgruppe wird zwischen „abhängigen” und „unabhängigen” Jungen Erwachsenen unterschieden: Als abhängig gilt, wer mit zumindest einem Elternteil zusammenlebt und nicht erwerbstätig ist. Unabhängige Junge Erwachsene leben hingegen nicht mehr im Elternhaus oder sind erwerbstätig.

Im Jahr 2025 waren in Österreich rund 163.000 Jugendliche und Junge Erwachsene (18 %) zwischen 15 und 24 Jahren armutsgefährdet. Etwa 65.000 davon lebten in Wien – das entspricht circa einem Drittel der Wiener:innen in dieser Altersgruppe. Österreichweit sind abhängige und unabhängige Junge Erwachsene gleich stark betroffen (18%). In Wien hingegen sind unabhängige Junge Erwachsene mit 38 % deutlich häufiger armutsgefährdet als abhängige (26 %) (Abb. 1).

Abbildung 1: Armutsgefährdung von Jugendlichen und Jungen Erwachsenen im Jahr 2025 im Vergleich zwischen Österreich und Wien. Innerhalb der Altersgruppe wird zwischen abhängigen und unabhängigen Personen unterschieden. 


Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung wird auch über mehrere Jahre hinweg deutlich: Jugendliche und Junge Erwachsene sind überproportional armutsgefährdet (Abb. 2). Auch bei einer getrennten Betrachtung verschiedener Regionen oder Personengruppen kann die höhere Armutsgefährdung fast durchgehend festgestellt werden.


Abbildung 2 Entwicklung der Armutsgefährdung von Jugendlichen und Jungen Erwachsenen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung in Österreich (links) und Wien (rechts) in den Jahren 2019, 2022 und 2025


Grundlegend funktioniert das sozialstaatliche Modell


Eine weitere wichtige Beobachtung ist jedes Jahr in den EU-SILC-Zahlen zu erkennen: Das sozialstaatliche Modell wirkt grundsätzlich. In Österreich sank die Zahl der armutsgefährdeten Menschen über alle Altersgruppen hinweg durch soziale Transferleistungen. Während ohne Sozialleistungen rund 2,2 Millionen Menschen (24 %) armutsgefährdet wären, reduziert sich diese Zahl durch diese Leistungen auf etwa 1,5 Millionen (16 %) (Abb. 3). Das bedeutet: Rund 700.000 Menschen wurde durch das Solidaritätsprinzip ein menschenwürdigeres Leben ermöglicht.

Allerdings ist ein besorgniserregender Trend erkennbar: Immer weniger Menschen wird durch soziale Transferleistungen effektiv über die Armutsschwelle hinweggeholfen. Ein Vergleich macht das deutlich: 2019, also noch vor Corona- und Teuerungskrise, waren rund 2,3 Millionen Menschen (26 %) vor und 1,2 Millionen (13 %) nach sozialen Transferleistungen armutsgefährdet (Abb. 3). Während 2025 also 700.000 Menschen geholfen und die Armutsgefährdung um acht Prozentpunkte reduziert werden konnte, waren es 2019 noch 1,1 Millionen Menschen und ganze dreizehn Prozentpunkte.


Abbildung 3: Armutsgefährdungsquoten vor und nach sozialen Transferleistungen in den Jahren 2019, 2022, 2024 und 2025. Dargestellt werden die Werte für die Gesamtbevölkerung sowie für Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft.


Ungleichheit zwischen Gruppen


Die Daten zeigen außerdem deutliche Unterschiede nach Staatsbürger:innenschaft. Menschen ohne österreichische Staatsbürger:innenschaft werden seltener effektiv durch Sozialleistungen unterstützt (Abb. 3). Was in der Soziallandschaft schon lange bekannt ist, zeigt sich also auch klar in den Zahlen: Restriktive Politiken erschweren ein menschenwürdiges Leben für viele migrantische Mitmenschen massiv. Für Jugendliche und Junge Erwachsene ohne österreichische Staatsbürger:innenschaft werden faire Chancen auf ein gutes Leben nochmals deutlich kleiner. 

 

Fazit: Sozialstaat unter Druck


Ob von einem „armutsfesten” Sozialstaat gesprochen werden kann, wenn knapp jede sechste Klassenkameradin, jeder sechste Kollege oder jede sechste Nachbarin von Armut bedroht ist, darf jede:r Leser:in selbst beurteilen. Die Zahlen zeigen grundlegend: Die Schutzwirkung des Sozialstaats hat in den vergangenen Jahren abgenommen. Wenn die teils gravierenden Kürzungen weitergehen, dürfte sich diese Entwicklung weiter verschärfen.


Deshalb bleibt der Appell: mit Bedacht vorgehen und das Solidaritätsprinzip nicht aushöhlen. Budgetkonsolidierungen auf dem Rücken von Niederiglohnverdiener:innen oder Alleinerzieher:innen sind angesichts deutlicher Vermögenszuwächse vom obersten 1% nicht notwendig und haben, neben vielen persönlichen Auswirkungen, weitreichende Langzeitfolgen.



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Florian Eder ist Gründungs- und war lange Zeit ehrenamtliches Vorstandsmitglied der [um]bruch:stelle. Mit März 2026 übernahm der Sozialarbeiter und Soziologe deren Geschäftsführung. Zusätzlich zu über zehn Jahren Erfahrung in der Wiener Wohnungslosenhilfe in diversen Rollen, beschäftigt er sich in Lehre und Forschung mit Themen sozialer Ungleichheit, insbesondere Klassismus und Wohnungsnot, und leitet aktuell das soziale Innovations- und Forschungsprojekt Upstream Austria. 





Bibliografie:

Statistik Austria. 2026. Tabellenband EU-SILC 2025 und Bundesländertabellen 

mit Dreijahresdurchschnitt EU-SILC 2023 bis 2025. Wien: Statistik Austria. 

Online verfügbar unter: https://www.statistik.at/fileadmin/pages/338/Tabellenband_EUSILC_2025.pdf  (zuletzt abgerufen am 13.05.26)




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