Junge Menschen und psychische Gesundheit: Missstände im österreichischen Gesundheitssystem
- Ally (Alina Ehrntraut) und Sascha (Alexandra Lajta)

- 29. Juni
- 5 Min. Lesezeit
Ein Beitrag von Ally (Alina Ehrntraut) und Sascha (Alexandra Lajta)
von Change for the Youth

Triggerwarnung: Suizid, belastende Themen, Gewalt, Missbrauch
„Das kann doch alles nicht sein.“
Dieser Gedanke hat uns immer wieder begleitet. Ob in Gesprächen mit anderen Jugendlichen, in Momenten der Überforderung oder in Situationen, in denen sichtbar wurde, wie schwer es oft ist, ernst genommen zu werden oder rechtzeitig Unterstützung zu bekommen.
Je mehr wir uns damit auseinandergesetzt haben, desto deutlicher wurde, dass viele dieser Probleme keine Einzelfälle sind. Hinter persönlichen Erfahrungen stehen oft strukturelle Schwächen im psychischen Gesundheitssystem. Schwächen, bei denen es häufig bei Worten und leeren Versprechen bleibt.
Irgendwann wurde aus Frustration Aufmerksamkeit. Aus Aufmerksamkeit Verantwortung. Und schließlich die Entscheidung, nicht länger nur zuzusehen.
Wir sind „Change for the Youth“ (s. Infobox), eine Initiative von jungen Menschen, die genau diese Erfahrungen gemacht haben und nicht länger still bleiben wollen.
Als junge Generation erleben wir Leistungsdruck, Unsicherheit und Überforderung im eigenen Alltag. Wir wissen, wie schwer es sein kann, in solchen Momenten Unterstützung zu finden oder überhaupt ernst genommen zu werden. Genau deshalb setzen wir dort an, wo viele junge Menschen selbst betroffen sind: im Bildungs- und Gesundheitssystem und in den Strukturen, die ihre Lebensrealitäten oft nicht ausreichend mitdenken.
Unser Ziel bleibt bei all unseren Projekten immer dasselbe: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen darf kein Nebenthema bleiben, sondern muss gesellschaftlich und politisch deutlich ernster genommen werden.
Infobox: Change for the Youth (CFY): Wer wir sind und was wir tun

“Change for the Youth” (CFY) ist eine Initiative von jungen Menschen. Wir verstehen uns als aktive Stimme einer Generation, die angefangen hat, Fragen zu stellen und Antworten einzufordern. Unser Ziel ist es, Aufmerksamkeit zu schaffen, Veränderungen anzustoßen und langfristig etwas zu bewegen.
Was wir tun:
Demonstrationen organisieren: Drei konnten wir bereits umsetzen, bei denen mehrere hundert Menschen gemeinsam mit uns auf die Straße gegangen sind.
Dialog suchen: Gespräche, Podiumsdiskussionen und Meetings mit politischen Entscheidungsträger*innen, Institutionen und anderen Akteur*innen im Gesundheits- und Bildungsbereich
Missstände aufzeigen: Wir schauen nicht weg, sondern machen Probleme öffentlich, um auf strukturelle Schwächen aufmerksam zu machen, die sonst oft unsichtbar bleiben.

Was wir bisher unter anderem erreicht haben:
Aufhebung des strikten Alterslimits: Gemeinsam mit anderen Akteur*innen haben wir erreicht, dass das strikte Alterslimit mit dem 18. Geburtstag im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich aufgehoben wird, sowohl stationär als auch ambulant. So fallen junge Menschen in einer sensiblen Lebensphase nicht plötzlich aus bestehenden Behandlungsstrukturen.
Zertifikat für Schulen: Wir entwickeln ein Zertifikat, das Bildungseinrichtungen auszeichnet, die psychische Gesundheit aktiv in ihren Alltag integrieren. Langfristig soll psychische Gesundheit dadurch selbstverständlicher im Bildungssystem mitgedacht werden.
Missstände im österreichischen psychischen Gesundheitssystem
Überfüllte Psychiatrien, ewig lange Wartezeiten oder gar keine Unterstützung: psychisch kranke Menschen haben es in Österreich definitiv nicht leicht. Besonders betroffen sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Betroffene berichten davon, trotz schwerer Belastungen oder akuter Krisensituationen nicht in der (Akut-)Psychiatrie aufgenommen zu werden oder Aufenthalte frühzeitig abbrechen zu müssen.
Volle Stationen und Personalmangel führen dazu, dass das medizinische Personal häufig massiv überlastet ist. Lange Schichten und permanenter Zeitdruck erhöhen dabei das Risiko von Behandlungs- und Medikationsfehlern und erschweren eine angemessene Betreuung der Patient*innen zusätzlich.
Manche jungen Menschen berichten zudem von traumatisierenden Erfahrungen während eines Psychiatrieaufenthalts, etwa durch Fixierungen oder andere Zwangsmaßnahmen. Mit mehr Personal und ausreichend finanziellen Ressourcen könnten solche Situationen häufiger vermieden werden.
Auch außerhalb der stationären Versorgung ist die Lage angespannt: Auf einen Therapie- oder Betreuungsplatz wartet man oft sehr lang. Das ist fatal, denn wer akut suizidal, psychotisch oder schwer depressiv ist, braucht sofortige Unterstützung. Suizid ist in Österreich die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen nach Unfällen [2].
Laut dem österreichischen Gesundheitsministerium bräuchten mehr als drei Prozent der rund 1,9 Millionen unter 21-Jährigen eine kassenfinanzierte Psychotherapie. Das entspricht etwa 57.000 Kindern und Jugendlichen. Tatsächlich erhielten jedoch zuletzt nur 1,23 Prozent eine solche Behandlung. Mehr als 33.630 junge Menschen bekommen also keine notwendige Psychotherapie, obwohl sie diese dringend benötigen [3].
All diese Zahlen machen deutlich, dass das österreichische psychische Gesundheitssystem an seine Grenzen gekommen ist. Besonders Kinder und Jugendliche sind davon betroffen, obwohl gerade frühe Unterstützung entscheidend wäre. Ohne ausreichende Investitionen in Psychotherapie, Schulpsychologie, Kinderpsychiatrie und psychosoziale Versorgung wird sich die Krise weiter verschärfen. Auch die aktuellen Sparmaßnahmen und Kürzungen im Sozialbereich werden vor allem Betroffene massiv zu spüren bekommen.
Warum kostenlose Therapieplätze nur ein Anfang sind
Anfang 2026 wurden vollfinanzierte Plätze für klinisch-psychologische Behandlung eingeführt. Jährlich stehen nun ungefähr 120.700 Behandlungseinheiten zur Verfügung [1]. Gerade für junge Erwachsene ist das ein wichtiger Schritt, denn für viele ist eine psychotherapeutische Behandlung sonst nur schwer oder gar nicht finanzierbar. Die Veränderung zeigt auch, dass psychische Gesundheit stärker in den Fokus der Gesundheitsversorgung rückt und Unterstützung damit ein Stück zugänglicher wird.
Doch reicht das aus? Aus unserer Perspektive ist die Antwort klar: Nein. Denn mehr Therapieplätze auf Kasse bedeuten nicht automatisch, dass alle, die Hilfe brauchen, sie auch rechtzeitig bekommen. Viele Betroffene berichten weiterhin von monatelangen Wartezeiten.
Dazu kommt die ungleiche Verteilung von Angeboten. Während es in größeren Städten meist mehr Angebote gibt, ist der Zugang in ländlichen Regionen oft deutlich eingeschränkter. Dadurch hängt angemessene Unterstützung weiterhin stark vom Wohnort ab.
Hinzu kommt, dass das System gerade für junge Menschen oft schwer durchschaubar ist. Häufig fehlen klare Anlaufstellen und ein einfacher Zugang zu bestehenden Unterstützungsangeboten.
Und schließlich kann Therapie allein viele dieser Probleme nicht vollständig lösen. Psychische Belastungen entstehen selten isoliert, sondern sind eng mit gesellschaftlichen Bedingungen verbunden: Leistungsdruck, finanzielle Sorgen, Unsicherheit in Ausbildung und Beruf, Mobbing im Schulumfeld oder sozialer Ungleichheit. Psychische Gesundheit ist nicht nur eine individuelle Herausforderung, sondern auch immer in gesellschaftliche Bedingungen eingebettet. Das bedeutet zweierlei:
(1) Wenn Behandlung nicht ganzheitlicher erfolgt, wenn sie nur das isolierte Individuum sieht aber gesellschaftliche Bedingungen nicht mit berücksichtigt werden, laufen Maßnahmen Gefahr zu kurz zu greifen.
(2) Psychische Gesundheit ist auch immer eine gesellschaftliche Verantwortung. Insbesondere Fachkräfte stehen in der Pflicht, für das Wohl ihrer Patient*innen diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zum positiven mit zu beeinflussen.
Unsere Forderungen
Wir als CFY fordern deshalb:
Mehr Psychiatrie- und Therapieplätze auf Kasse sowie kürzere Wartezeiten
Bessere Bezahlung für Therapeut*innen, Psycholog*innen und Pflegekräfte, um dem massiven Personalmangel entgegenzuwirken.
Mehr Aufklärung, Entstigmatisierung und Prävention, damit Krisen gar nicht erst eskalieren. Psychische Gesundheit muss denselben Stellenwert bekommen wie körperliche.
Verantwortungsvoller Umgang mit Medikamenten, besonders solchen mit hohem Abhängigkeitspotenzial, sowie ausreichend alternative Therapieangebote.
Zwangsmaßnahmen nur als letztes Mittel und verpflichtende professionelle Nachbesprechung, um weitere Traumatisierungen zu verhindern. Hier arbeiten wir aktuell gemeinsam mit Ärzt*innen und Fachpersonen an einem konkreten Leitfaden.

Fortschritte wie die kostenlosen Therapieplätze sollten wir also sowohl wertschätzend als auch kritisch weiterdenken. Es geht nicht darum, das Erreichte schlechtzureden, sondern darum, darauf aufzubauen. Unser Ziel sollte ein System sein, das nicht erst reagiert, wenn Menschen bereits stark belastet sind, sondern eines, das früh unterstützt, zugänglich ist und wirklich alle erreicht.
Hilfe darf unserer Meinung nach kein Privileg sein. Und psychische Gesundheit kein Thema, das erst ernst genommen wird, wenn es bereits zu spät ist.
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Ally (Alina Ehrntraut) she/her
Ally ist 23 Jahre jung und ist in der Nähe von Wien aufgewachsen. Derzeit studiert Ally Soziale Arbeit im Bachelor. Bei Change for the Youth engagiert sie sich seit 2023 und ist mittlerweile stellvertretende Leiterin des Vereins.

Sascha (Alexandra Lajta) she/they
Alexandra Lajta ist 21 Jahre alt, Musikwissenschafts-studentin an der Universität Wien und seit 2023 Teil der Organisation Change for the Youth. Sascha setzt sich dort sowie in weiteren Projekten für soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit ein.
Bibliografie:
Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen. (o. J.). Kassenplätze für klinisch-psychologische Behandlung. Abgerufen am 21. Mai 2026, von https://www.boep.or.at/psychologische-behandlung/kassenplaetze-fuer-klinisch-psychologischen-behandlung
Gesundheit Österreich GmbH. (2025, 25. Juni). Suizid und Jugendliche. Gesundheitsportal Österreich.
https://www.gesundheit.gv.at/leben/suizidpraevention/wissenswertes/jugendliche.html
Matzinger, L. (2023, 21. März). Helft uns! Falter, (12).
https://www.falter.at/zeitung/20230321/helft-uns
Bilder: Von joyce@changefortheyouth || Copyright an Joyce Rikal



