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Draußen kalt, drinnen kalt

Wenn sich soziale Ungleichheit und mangelnde gesellschaftliche Teilhabe im Winter vertiefen.

Ein Beitrag von Hanna Lichtenberger, Volkshilfe Österreich

Foto von Vitolda Klein auf Unsplash


Für viele ist die Frage der sozialen Teilhabe keine Frage des Wetters. Für armutsgefährdete oder -betroffene Personen allerdings sehr wohl.

Gerade in der (Vor)Weihnachtszeit locken Schaufenster, Restaurants und Weihnachtsmärkte zum gemeinsamen Bummeln, Punsch trinken, einem Besuch bei der Familie und im Warmen verweilen mit Freund:innen. Doch während es in den Sommermonaten einfacher ist, Freund:innen am Spielplatz zu treffen, sich zum Radfahren oder zum Basketball spielen kostenfrei im öffentlichen Raum zu verabreden, sind viele Freizeitaktivitäten im Winter mit Kosten verbunden: Bars, Cafés, das Fitness-Center oder auch das Kino, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. In Österreich lebt jedes 5. Kind von Armut oder Ausgrenzung bedroht. Für viele von ihnen ist die gemeinsame Zeit mit Freund:innen oder das Ausüben von Hobbys viel weniger oft oder gar nicht möglich.


Wer ist arm?

Dass in den letzten Wochen und Monaten viel über Armut diskutiert wurde, liegt neben der Teuerungen und den finanziellen Sorgen der Bevölkerung auch am unsäglichen Burger-Sager des ÖVP-Chefs und Bundeskanzlers im September 2023. Konservative und wirtschaftsliberale Akteur:innen kritisieren immer wieder, Soziale Organisationen und andere hätten die Armut in Österreich “großgeredet”. Doch mit den sogenannten EU-SILC-Zahlen [6] gibt es eine gute Quelle für Fakten zu den sozialen Lebensbedingungen in Österreich. Sie zeigen, dass in Österreich 1,5 Millionen Menschen von Armut oder materieller Ausgrenzung bedroht sind. 353.000 davon sind unter 18 Jahren alt. [6] Als armutsgefährdet gilt, wer in einem Haushalt lebt, dessen Haushaltseinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle liegt. Diese ist je nach Haushaltsgröße unterschiedlich. Bei einer alleinerziehenden Mutter eines acht- und eines fünfzehnjährigen Kindes zum Beispiel, liegt die Armutsgefährdungsschwelle bei ca. 2500 Euro Netto im Monat (weitere Informationen zur Definition der Armutsgefährdungsschwelle siehe EU SILC-Zahlen [6]).

Als ausgrenzungsgefährdet gilt, wer am gesellschaftlichen Wohlstand nicht teilhaben kann, also z.B. Probleme hat, Rechnungen zu zahlen, die Wohnung angemessen warm zu halten oder sich bestimmte Waren (ein zweites Paar Schuhe, das Ersetzen kaputter Möbel etc.) nicht leisten kann. Doch auch über die Gruppe Jugendliche und Junge Erwachsene im Alter von 15 bis 24 Jahren, die noch finanziell von ihren Eltern abhängig und bei zumindest einem Elternteil wohnhaft sind, gibt uns die jährlich erhobene, repräsentative Studie Aufschluss: Von 787.000 Menschen dieser Altersgruppe sind 124.000 – also 15,8 Prozent – in Österreich armutsgefährdet.


Die Folgen von einem Aufwachsen in Armut

Die negativen Auswirkungen des Aufwachsens in Armut können schon früh sichtbar werden. Schon im Säuglings- und Kleinkindalter können etwa Kinderärzt:innen gesundheitliche Folgen von Armut erkennen [7]. Dazu gehören Herausforderungen in der sprachlichen und motorischen Entwicklung, beim subjektiven Wohlbefinden oder auch wenn es um die Zahngesundheit geht. Im Bereich der materiellen Absicherung gehören eine mangelhafte Ausstattung mit den Jahreszeiten entsprechender Kleidung, ein zweites Paar Schuhe oder ausreichend Wechselgewand für einige armutsbetroffene Kinder zu ihrem Alltag. Auch auf Taschengeld müssen Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringen finanziellen Ressourcen häufiger verzichten [2].

Im Bereich der Bildung kämpfen viele dieser Familien mit den hohen Schulkosten. Das österreichische Schulsystem baut außerdem stark auf der Involvierung der Eltern auf, entweder durch Unterstützung beim Hausaufgaben machen oder durch das Bereitstellen von finanziellen Mitteln für Ausstattung, Ausflüge, Sprachreisen, Projektwochen oder auch Nachhilfe [5]. Auch ist die Schule für armutsbetroffene Schüler:innen häufiger mit Mobbing verbunden [3]. Diese Faktoren führen unter anderem dazu, dass die Bildungsmobilität zwischen den Generationen in Österreich schwach ausgeprägt ist, d.h. es hängt stark von der sozialen Herkunft ab, welchen höchsten Bildungsabschluss Kinder und Jugendliche erreichen können. Aus akademischen Haushalten kommend, erreichen 57  Prozent der 25- bis 44jährigen ebenfalls einen Hochschulabschluss. Bei Personen aus Haushalten mit niedriger Formalbildung liegt der Anteil bei sieben Prozent. Das hat auch finanzielle Folgen im Erwachsenenalter: Im reichsten Einkommensfünftel verfügen 41 Prozent der Personen über einen Universitäts- oder FH-Abschluss, beim ärmsten Fünftel hingegen nur 15 Prozent. Die Einkommensunterschiede zwischen dem niedrigsten und höchsten Bildungsgrad – also einem Pflichtschulabschluss und einem Universitätsabschluss – liegen durchschnittlich bei ca. 60 Prozent [1].


Wie Kinder Armut wahrnehmen

In einem Forschungsprojekt der Volkshilfe haben wir armutsbetroffene Familien zwei Jahre begleitet [9]. In sehr ausführlichen Erstgesprächen haben wir von Kindern und Jugendlichen erfahren, was es für sie bedeutet, armutsbetroffen zu sein. Viele Kinder und Jugendliche übernehmen die Sorgen ihrer Eltern, auch hinsichtlich der finanziellen Absicherung von Grundbedürfnissen. Sie erleben, dass ihre Eltern in der Gesellschaft abgewertet werden, und einige beziehen diese Abwertung auch auf sich. Weil sie sich mitverantwortlich fühlen für das Auskommen ihrer Familie, versuchen sie selbst im Rahmen ihrer Handlungsspielräume den Eltern bestimmte Kosten zu ersparen. Diese “Existenzorientierung” verhindert, dass sie sich selbst ausprobieren, wenn es um Hobbys und das Kennenlernen eigener Stärken geht. Diese mangelnde soziale Teilhabe kann kleinere Freund:innenkreise und ein geringes Selbstbewusstsein bedeuten. Gerade diese beiden Dinge sind aber auch für den Start in ein eigenes, selbstständiges Leben als Junge:r Erwachsene:r hilfreich.


Kinderarmut zum Thema machen

Wie dargelegt, können sich Armut in der Kindheit und die daraus entstehenden Ungleichheiten negativ auf Bildungswege, psychische und physische Gesundheit sowie die soziale Teilhabe auswirken. Darüber hinaus ist es auch ein Teufelskreis: Wer aus einer Familie mit geringen finanziellen Mitteln kommt, hat es später schwerer im Leben und ist ein Leben lang von vielen Nachteilen geprägt. Folge dessen haben Junge Erwachsene, die in familiären Armutsverhältnissen aufgewachsen sind, mit zusätzlichen Herausforderungen zu kämpfen: Im Gegensatz zu anderen Gleichaltrigen verfügen sie oftmals nicht über das unterstützende familiäre Netz, welches sie auffangen kann, wenn beispielsweise ökonomische Herausforderungen zu groß werden (vgl. BLOG-Artikel im November 2023).

In den letzten zehn Jahren ist es Sozialen Organisationen gelungen, Kinderarmut zu einem Thema politischer Auseinandersetzung und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit zu machen. Betrachtet man die Debatte, so stehen insbesondere armutsbetroffene Schüler:innen zwischen 6 bis 14 Jahren im Fokus. Armutsbetroffene Kindergartenkinder, Lehrlinge oder auch Junge Erwachsene über 18 Jahren sind in der Kinderarmut-Debatte weniger sichtbar. Umso wichtiger sind Initiativen wie die [um]bruch:stelle, welche die spezifischen Herausforderungen dieser Gruppe beleuchten und auf diese aufmerksam machen.


Was können wir tun?

Die Thematisierung von Armut in den ersten 25 Lebensjahren ist das Eine. Die Bekämpfung von Armut, insbesondere von Kinderarmut, das Andere. An Ideen für Maßnahmen gegen Kinder- und Jugendarmut mangelt es nicht, auch nicht an der potenziellen Finanzierung. Denn das Problem der Vererbung sozialer Ungleichheit hat noch eine andere Seite: Auch Reichtum wird in Österreich vor allem vererbt [4]. Wenn man ein Gutes daran finden will, kann man es so sehen: Es gibt genügend Reichtum in Österreich, um allen Kindern und Jugendlichen einen guten Start ins Erwachsenenleben zu ermöglichen. Eine ungewöhnliche und nicht unumstrittene Idee zum Ausgleich ungleicher Startbedingungen hat der berühmte Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty: Er schlägt vor, allen Menschen zum 25. Geburtstag 120.000 Euro zu geben [10] – so könnte der Start in ein unabhängiges Leben für viele deutlich leichter ausfallen. Die Volkshilfe schlägt ein anderes Modell vor: eine Kindergrundsicherung, die als Teil eines starken Sozialstaats, alle Kinder und Jugendlichen finanziell absichert. Dabei erhalten alle eine universelle Komponente und jene aus armutsbetroffenen Familien entsprechend mehr. [8]


Egal ob es um die Kindergrundsicherung, radikale Maßnahmen zur Umverteilung oder eine kinder- und jugendgerechte soziale Infrastruktur geht, deutlich wird: Armut ist kein Naturgesetz. Mit mutigen Maßnahmen können wir ein Aufwachsen in Armut abschaffen Damit alle Kinder alle Chancen haben, selbständige Junge Erwachsene zu werden und sich ein eigenes Leben aufzubauen.




Hanna Lichtenberger ist Politikwissenschafterin und Historikerin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Volkshilfe Österreich und ist inhaltlich für die sozialpolitische Arbeit der Volkshilfe verantwortlich. Sie forscht zu Kinderarmut und Sozialpolitik und lehrt an verschiedenen Hochschulen.




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Bibliographie

  1. Achleitner, Sophie. 2022. Bildungsreport: Bildung, Gender und Einkommen in Österreich. In Momentum Magazin. https://www.momentum-institut.at/news/bildungsreport-bildung-gender-und-einkommen-oesterreich.

  2. Bertelsmann Stiftung. 2020. Factsheet Kinderarmut in Deutschland. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/291_2020_BST_Facsheet_Kinderarmut_SGB-II_Daten__ID967.pdf.

  3. Deutschlandfunk. 2019. Schülerbefragung zu Mobbing „Kinder mit finanziellen Sorgen sind häufiger betroffen“. Anette Stein im Gespräch mit Lena Sterz, 03.07.2019. https://www.deutschlandfunk.de/schuelerbefragung-zu-mobbing-kinder-mit-finanziellen-sorgen-100.html.

  4. Kammer für Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich. o.J. Reichtum wird zu großem Teil vererbt. https://ooe.arbeiterkammer.at/interessenvertretung/verteilungsgerechtigkeit/vermoegen/Reichtum_wird_vererbt.html.

  5. Larcher, Elke, und Lichtenberger, Hanna. 2020. Sieben Prozent. https://anschlaege.at/sieben-prozent/.

  6. Statistik Austria. 2023. TABELLENBAND EU-SILC 2022 und Bundesländertabellen mit Dreijahresdurchschnitt EU-SILC 2020 bis 2022. Einkommen, Armut und Lebensbedingungen. Rev. 3 vom 28.06.2023. https://www.statistik.at/fileadmin/pages/338/Tabellenband_EUSILC_2022.pdf.

  7. Volkshilfe Österreich. 2021. Kinderarmut und Kindergesundheit. https://www.volkshilfe.at/wer-wir-sind/aktuelles/newsaktuelles/umfrage-kinderarmut-und-kindergesundheit/.

  8. Volkshilfe Solidarität. o.J. Kindergrundsicherung jetzt! So schaffen wir die Kinderarmut ab. https://www.kinderarmut-abschaffen.at/kindergrundsicherung/.

  9. Volkshilfe Solidarität. o.J. Modellprojekt. https://www.kinderarmut-abschaffen.at/kindergrundsicherung/das-modellprojekt/.

  10. Widmann, Aloysius. 2020. Radikale Umverteilung. Ungleichheitsforscher Piketty fordert 120.000 Euro Startkapital für alle. In STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H., 13.03.2020. https://www.derstandard.at/story/2000115678178/ungleichheitsforscher-piketty-fordert-120-000-euro-startkapital-fuer-alle.



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