Wiener Jugendnotschlafstelle a_way ist 20
- Tom Adrian

- 22. Dez. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Ein Beitrag von Tom Adrian, Vorstandsmitglied [um]bruch:stelle und Einrichtungsleitung der Jugendnotschlafstelle

Am Krampustag, dem 5. Dezember 2005, öffnet die erste und bislang einzige Jugendnotschlafstelle Wiens ihre Türen: Das A_way. Ein Name, der darauf anspielt, dass es einen Weg gibt, auch wenn man weg von zu Hause ist. Die Einrichtung soll junge Menschen von 14 bis 20 Jahren, die sich in einer Krisensituation und/oder von Wohnungslosigkeit betroffen sind, erreichen.
Die Jugendnotschlafstelle a_way befindet sich damals zunächst am Westbahnhof, neben dem Bahnsteig 11, gegenüber vom Parkhaus in einem Gebäude der ÖBB. Früher waren hier der Bahnhofssozialdienst und das gelbe Kreuz angesiedelt. Es gibt ein Vierbett- und ein Sechsbettzimmer. Es ist kein Luxus, aber es ist freundlich, sauber und sicher.


Fünf Tage nach der Eröffnung ist es dann so weit: der erste Nächtiger kommt. Die Dokumentation liest sich so:
P. ist unser erster Klient! Recht große Klappe, einiges an seinen Geschichten dürfte aber wohl wahr sein. Musste vor (x anonymisiert) Jahren mit Eltern wegen Schwierigkeiten vor Ort von x-Land (anonymisiert) nach Wien kommen. Erzählt von Beziehungen mit älteren Frauen, Puff-Erfahrungen, Kokain- und Heroinkonsum. In letzter Zeit bei Freunden genächtigt, Eltern wissen nicht, dass er hier ist. Dzt. ohne aktuelle Beschäftigung, allerdings beim AMS gemeldet. Hat prinzipiell das Interesse an einer dauerhaften Unterbringung. Hausordnung besprochen. Jugendlicher wurde dazu angehalten sich bzgl. Fremdunterbringung genaueres zu überlegen. Klärendes Gespräch noch offen. Erzählt, dass er die Info über uns von der Zohmanngasse [i] erhalten hat.
Heute ist dieser Klient 37 Jahre alt, und somit älter als der Großteil des aktuellen Sozialarbeiter:innen-Teams.
Insgesamt wurden seit der Eröffnung über 7 000 (!) junge Menschen begleitet und betreut. 58 000 (!) Nächtigungen zählt das Dokumentationssystem. Das ist nicht wenig, wenn man bedenkt, dass von Beginn an hinterfragt wurde, warum Wien überhaupt eine Jugendnotschlafstelle braucht. Schließlich gäbe es ja die Kinder- und Jugendhilfe, die Krisenzentren und pädagogischen Wohngemeinschaften. Das stimmt - die gab es und gibt es noch immer. Eine Stadt hat aber oftmals noch viel mehr Probleme und Schatten, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind bzw. durch bestehende Hilfsangebote nicht ausreichend erreicht werden können [ii]
Die Jugendlichen und Jungen Erwachsenen erzählen damals wie heute von Zerrüttungen und Brüchen in der Familie, von physischer und psychischer Gewalt der Eltern.
Ein junger Mensch, der in einer Krisensituation steckt, braucht eine unmittelbare, niederschwellige Hilfestellung.
Ein junger Mensch, der von der Welt der Erwachsenen enttäuscht wurde, braucht einen anonymen Ort des Schutzes, um wieder Orientierung und Vertrauen zu fassen.
Ein junger Mensch mit Problemen braucht keine Belehrung darüber, was er hätte besser machen sollen, sondern konkrete Unterstützung dabei, was er jetzt machen kann, damit es künftig besser wir. Und das am besten auf Augenhöhe und partizipativ.
All das bietet die Jugendnotschlafstelle: Niederschwelligkeit, Anonymität, Parteilichkeit – freiwillig und gratis für alle Jugendlichen und Jungen Erwachsenen im genannten Altersspektrum zwischen 14 und 20 Jahren, die diese Hilfe brauchen. Das sind die Grundpfeiler des Konzeptes. Zusätzlich gibt es Angebote, die klassische Hilfssysteme nicht leisten können:
Es gibt z.B. sonst keine Möglichkeit, als Minderjährige:r mit einem Haustier Hilfe zu bekommen. Es gibt keine andere Notschlafstelle, die sowohl Minderjährige als auch Volljährige (Junge Erwachsene) in einem Haus gleichzeitig betreut. Es gibt keine gemischtgeschlechtliche Unterbringung für Minderjährige. Für Geschwister und junge Paare ist das jedoch besonders wichtig.
Bis 2017 hatte die Jugendnotschlafstelle nur von 20.00 bis 08.00 Uhr geöffnet. Für viele junge Menschen ist das problematisch, denn erst ab 20.00 Uhr zu erfahren, ob man einen Schlafplatz bekommt, ist sehr spät. Wohin sollen sie tagsüber gehen? Und was passiert an Wochenenden oder Feiertagen?
Aus dem Team von a_way, entsteht deshalb reStart: Ein niederschwelliges Tagesstrukturangebot, das bis heute ein Alleinstellungsmerkmal in Wien hat. Diese Geschichte können wir ein andermal erzählen.
In der Jugendnotschlafstelle entsteht das Konzept des Stabilisierungswohnens: das a_stay. Junge Menschen sollen vor allem kurz nach der Volljährigkeit besser begleitet werden als es in den sonstigen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe der Fall ist. Diese Angebote sind oft sehr groß, haben über 100 Bewohner:innen im Alter von 18-99 Jahren und wenig Ressourcen, um diese Menschen individuell zu begleiten. Junge Erwachsene gehen nicht in solche Einrichtungen. Sie machen lieber die Nacht in Clubs durch, fahren mit den Bussen durch die Gegend und geraten so häufig in prekäre, ausbeuterische Situationen.

2017 ist es dann so weit: die Caritas kauft ein Haus in der Nähe der Lugner City.
In diesem Gebäude gibt es bereits einen Bewohner mit aufrechtem Mietverhältnis – den Weihnachtsmann. Er nennt sich Santa. Ein Amerikaner, der sich selbst als “Tramper” und „Hobo” bezeichnet und durch die Welt gereist ist. In Wien verbringt er seinen Lebensabend. Vom Krampus also zum Weihnachtsmann – die Jugendnotschlafstelle hat es geschafft. Vom Bahnsteig 11 in die Neumayrgasse 4. Von zwei Mehrbettzimmern auf 45m² zu einer Einrichtung mit fünf Zweibett-Zimmern, Lagerräumlichkeiten und einem zusätzlichen Stockwerk, um ein würdiges Stabilisierungswohnen zu realisieren.
Der Umzug gelingt dank eines hoch motivierten und kompetenten Teams ohne einen einzigen Schließtag. Die Jugendlichen und Jungen Erwachsenen finden auch an der neuen Adresse ihren Weg zur Einrichtung und manche, die noch vom Westbahnhof bekannt sind, entwickeln die neue Einrichtung aktiv mit: Mehr Farben, größere Räume und bitte unbedingt – bessere Öffnungszeiten!


Zunächst kann im Winter von 17.00 bis 09.00 Uhr geöffnet werden, im Sommer jedoch nur von 19.00 bis 09.00 Uhr. Die Jugendnotschlafstelle ist inzwischen eine der wichtigsten Institutionen für junge Menschen in Wien geworden. Die Kinder- und Jugendhilfe erkennt die Rolle in der Unterstützung an. Polizeiliche Wegweisungen werden direkt zu a_way gebracht. Wenn die Krisenzentren voll sind, können sie hier auf den nächsten freien Platz warten. Manche brauchen auch nur ein paar Auszeitnächte und nicht die vollen Ressourcen der Jugendämter, die sofort einen Akt anlegen müssen. Auch gibt es mit a_way einen „Plan B” für andere Einrichtungen, bei denen es zu Verweisen, Hausverboten oder notwendigen Deeskalationsnächten kommt.
2020 kommt dann überraschend die Pandemie. a_way ist Erstversorger im Hilfssystem und soll geöffnet bleiben – und zwar 24 Stunden am Tag. Das Team teilt sich in zwei Gruppen ein, bekommt Unterstützung von anderen Einrichtungen die geschlossen bleiben müssen – und die längeren Öffnungszeiten werden finanziert. Wenn der politische Wille gegeben ist, scheint es doch möglich zu sein.
Nach der Pandemie bleiben diese Standards weitgehend erhalten: tägliche Öffnungszeiten von 17.00 bis 09.00 Uhr und ganztägige Öffnung am Wochenende und an Feiertagen. Zwischen 10 bis 15 Junge Menschen werden täglich im Notquartier versorgt und weitere acht in drei Wohngemeinschaften des a_stays. Das Projekt hat verlässliche Fördergeber:innen und ist durchfinanziert. Dieser Zustand hält bis zum heurigen Herbst an.
Es gibt die Hoffnung, dass es bessere Schnittstellen der Hilfsangebote von Minderjährigen in die Volljährigkeit geben wird. Die Kinder- und Jugendhilfe kann über das 18. Lebensjahr hinaus verlängern. Der FSW erkennt Care Leavers [iii] und Junge Erwachsene als besondere Zielgruppe an. Medien, Politik und Bevölkerung interessieren sich immer mehr für die Problemlagen. Der Wind scheint in die richtige Richtung zu wehen.
Doch im Herbst 2025 kommt es zu Kürzungen in der Sozialwirtschaft. Noch sind nicht alle Parameter bekannt – die Auswirkungen werden jedoch um ein Vielfaches teurer sein als der kurzfristige Nutzen der aktuellen Einsparungen. Auch a_way bekommt die Information, dass es keine Valorisierung/Teuerungsanpassung für das nächste Jahr geben wird [iv]. Der Zustand ist also wieder so wie vor der Pandemie. Die Zukunft ist ungewiss.
Die Bevölkerung Wiens liegt 2025 bei 2 028.289 Personen. Junge Menschen zwischen 16 und 24 Jahren sind 10,7 % davon. Junge Erwachsene zwischen 18-30 Jahren rund 19 %.
Die Armutsgefährdung unter den unter 25jährigen liegt bei 36,5 % (43,9 % bei Männern, 29,6 % bei Frauen) [v]. Diese Werte sind weit über dem sonstigen Städtedurchschnitt.
25-33 Prozent der als wohnungslos gemeldeten Personen sind unter 30 Jahre alt. Das sind rund 4.000 Personen – ein sehr hoher Anteil. Die Dunkelziffer dürfte jedoch deutlich höher sein, da viele junge Menschen – etwa Sofa-Surfer:innen, unregistrierte Minderjährige oder verdeckt wohnungslose Personen – gar nicht erst erfasst werden (können).
In Deutschland zeigen aktuelle Zahlen, dass 40 bis 41 % der Personen, die Wohnungslosenhilfe in Anspruch nehmen müssen, unter 25 Jahre alt sind [vi]. In England liegt der Anteil der 16-24jährigen bei rund 42 Prozent [vii]. Es ist daher naheliegend, dass auch Österreich auf einen Anteil von etwa 40 Prozent kommt.
Volkswirtschaftlich ist das ein großes Problem, für die Menschen selbst ist es eine mittlere Katastrophe. EU-weit wird über leistbaren Wohnraum diskutiert. Das Einkommen junger Menschen ist oft gering. Die Abwärtsspirale ist offensichtlich, wird aber von wenigen wahrgenommen. Ein ganzheitliches Konzept, dass sich der Unterstützungsangebote und Notwendigkeiten für die junge Zielgruppe widmet, ist längst überfällig.
Leider gibt es oft zu wenig Verständnis für die Problemlagen und unklare, komplizierte Zuständigkeiten. Es gibt viele Best-Practice-Beispiele. Das a_way ist schon eines davon. Das Positionspapier der AG Junge Wohnungslose (2021) liefert Ideen, das Housing First4Youth-Konzept [viii] aus Kanada ebenso.
Doch wer fühlt sich zuständig, dieses heiße Eisen anzugreifen? Wer sind die Ansprechpartner:innen?
Der Jugendnotschlafstelle a_way gratulieren wir herzlich zum 20. Geburtstag – und hoffen auf ein langes Weiterbestehen. Hier wird wichtige Arbeit geleistet und vielen jungen Menschen geholfen.

Tom Adrian ist ausgebildeter Sozialarbeiter und leitet seit 2015 die Jugendnotschlafstelle a_way in Wien. Er hat Expertise zu Fachthemen wie Care Leavers, NEETs, Jugendliche und Junge Erwachsene am Übergang zur Volljährigkeit und co-moderiert die Arbeitsgruppe Junge Wohnungslose in Wien. Er ist Vorstandsmitglied der [um]bruch:stelle.
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[i] Gesellenheim (10. Bezirk, Zohmanngasse 28, Eröffnung im Oktober 1965 für alleinstehende männliche Jugendliche)
[ii] Für mehr Information zur Zielgruppe der Care Leavers verweisen wir auf unseren BLOG-Artikel vom Februar 2024: Wenn der Auszug aus der Kinder- und Jugendhilfe zur Bruchstelle wird.
[iii] Mehr zu dieser Problematik und Caritas’ Stellungnahme dazu - siehe: https://www.caritas-wien.at/ueber-uns/news-presse/information/news/98563-zu-jung-fuer-die-strasse-zu-alt-fuers-system-caritas-fordert-mehr-schutz-fuer-junge-wohnungslose-und-bittet-um-spenden//.






