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Gewaltfreie Beziehungsgestaltung: junge Männer können das!

  • Autorenbild: Hubert Steger
    Hubert Steger
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Ein Beitrag von Hubert Steger, Geschäftsführer der Männerberatung Wien


Als fachlicher Geschäftsführer der Männerberatung Wien blicke ich auf eigene Erfahrungen in der Jugendzeit und meines jungen Erwachsenenalters zurück. Dabei waren männliche Wegbegleiter mit einem ehrlichen Interesse für mich und junge Burschen eher selten, aber es gab sie. Diese wenigen Männer, die uns fürsorglich begegneten, waren auch die, an welchen wir uns zu orientieren begannen, welche uns zuhörten, von denen wir uns verstanden fühlten und die Einblicke in die spannende Erwachsenenwelt gaben. Sie haben uns auch angesprochen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Frauen und Mädchen und uns untereinander mit Respekt zu begegnen und haben uns das auch vorgelebt. Abwertungen gegenüber Frauen und Mädchen, sexistische Witze, Bevormundung, Besitzansprüche, (sexuelle) Belästigungen usw., habe ich dennoch oft erst rückblickend im Erwachsenenalter als solche erkannt und wurde auch dann erst handlungsfähig dagegen. In der Männerwelt am Land in Südtirol, Ort meiner ersten 26 Lebensjahre, konnte ich kaum Diskurse über diese Themen wahrnehmen.  


Diese erste Lebensphase bei Buben, Burschen und Männern, denen wir jetzt im Angebotsbereich der Männerberatung Wien begegnen, ist sehr unterschiedlich und von diversen sozialen Milieus, kulturellen, religiösen und politischen Wertvorstellungen geprägt. Die Jugendarbeit in Wien ist mit einem differenzierten Angebot breit aufgestellt und männliche Wegbegleiter sind vorhanden, wenngleich nicht in ausreichendem Ausmaß. Diese konkurrieren aber auch mit einer Vielfalt an männlichen Vorbildern, inklusive Influencern, in der digitalen Welt. Nicht alle von diesen streben Gewaltfreiheit an, manche fördern Gewaltbereitschaft und ordnen Mädchen und Frauen untergeordnete Rollen zu.  


Beruflich und privat sind wir als erwachsene Männer gefordert: begleiten und unterstützen wir, seien wir Vorbilder und Verbündete! 


Die Männerberatung Wien, die bereits seit über 40 Jahren besteht, hat sich als wichtige Einrichtung etabliert. Im Jahr 2024 verzeichneten wir rund 8.500 erste Kontakte (telefonisch oder persönlich), wovon ca. 12% der Klienten bis 19 Jahre und 21% 20-29 Jahre alt waren. Unter den Themen, mit denen wir im Erstkontakt beschäftigt waren (siehe Abb. 1), hat Gewalt die häufigste Nennung, gefolgt von Jugendarbeit als Zusammenfassung für eine Vielzahl an Fragen von Jugendlichen und deren Bezugspersonen.

 

 

Die Grafik zeigt die vorher erwähnte Statistik von Akademiker:innenkinder und Nichtakademiker:innenkinder, wie viele von 100 Menschen ein Studium beginnen, den Bachelor abschließen, den Master abschließen oder eine Promotion machen. Unten rechts sieht man das logo der Umbruchstelle, auf schwarzem Hintergrund. Die Zahlen werden bildlich mit Uniabschlusshüten gezeigt.
Abb. 1 Themen bei Erstkontakt (inkl. Kontakten von Helfer:innen), Männerberatung 2024

Wir haben die Zahl der männlichen Jugendlichen und jungen Männern, bei denen es vordergründig um Gewalt in Beziehungen geht, nicht speziell erfasst. Gewaltfreie Beziehungsgestaltung ist allerdings in unterschiedlicher Weise in allen Angeboten für Jugendliche und junge Erwachsene als Thema enthalten. Methodisch können folgende Ausrichtungen unterschieden werden.  


1. Prävention von Gewalt 

Ein zentrales Ziel ist die Prävention von Gewalt in Beziehungen. Dabei geht es darum, Jugendliche und junge Männer für die verschiedenen Formen von Gewalt zu sensibilisieren, sei es körperliche, psychische, sexuelle oder strukturelle Gewalt. In Workshops und Schulungen lernen die Jugendlichen/jungen Männer, wie sie Konflikte ohne Gewalt lösen können, wie Kommunikation funktioniert und wie wichtig gegenseitiger Respekt und Konsens sind. 

 

2. Aufklärung und Bewusstseinsbildung 

Die Männerberatung Wien setzt auf Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsbildung. Sie gibt den Jugendlichen/jungen Männern die Möglichkeit, ihre eigenen Vorstellungen von Männlichkeit zu hinterfragen und dabei zu erkennen, dass es keine „einzige richtige“ Art gibt, ein Mann zu sein. Stattdessen wird ein erweitertes Verständnis von Männlichkeit vermittelt, das auf Werten wie Respekt, Empathie und Gleichwertigkeit basiert. Wir machen deutlich, dass wahre Stärke nicht in Dominanz oder Kontrolle über andere, inkl. Mädchen und Frauen, besteht, sondern in der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und gesunde Beziehungen zu führen. Beispiele für diese Arbeit enthält das Pilotprojekt „No Front“, welches sozialräumlich in verschiedenen Gemeinschaften in Innerfavoriten [i] in der Nähe der Standorte der Männerberatung Wien wirkt.  

 

3. Training von sozialen und emotionalen Kompetenzen 

Wir legen großen Wert auf die Förderung sozialer und emotionaler Kompetenzen. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung von Konfliktlösungsstrategien, sondern auch um das Erlernen von Fähigkeiten wie  


  • Empathie: Verständnis und Mitgefühl für andere Menschen entwickeln. 

  • Selbstreflexion: Die eigenen Gefühle und Verhaltensweisen zu reflektieren und zu erkennen, wie sie sich auf andere auswirken. 

  • Kommunikationsfähigkeiten: Wie man auf respektvolle Weise kommuniziert, insbesondere in Konfliktsituationen. 


4. Mentoring und Rollenvorbilder 

In einigen Programmen, wie z.B. im Angebot „Boys Day, bieten wir auch Mentoring-Möglichkeiten an, bei denen Jugendliche von älteren, erfahrenen Männern begleitet und unterstützt werden. Diese Mentoren können eine wertvolle Rolle spielen, indem sie ein positives Vorbild in Bezug auf gewaltfreie und respektvolle Beziehungen darstellen und den Jugendlichen helfen, gesunde Verhaltensweisen in ihren eigenen Beziehungen zu entwickeln. Als Mentoren fungieren auch unsere Berater, wenn sie über längere Zeit eine Beratungsbeziehung aufrechterhalten oder in einem Trainingssetting begleitend zur Verfügung stehen (z.B. im Angebot „Gewaltig Anders“ oder im „AGT-J“).   


5. Beratung für Jugendliche und junge Männer 

Neben Workshops und Präventionsarbeit sind auch individuelle Beratungsdienste für heranwachsende Männer vorhanden. Hier können sie über ihre eigenen Erfahrungen sprechen, insbesondere wenn sie selbst Gewalt erfahren haben oder mit gewalttätigen Neigungen in ihren Beziehungen kämpfen. Ziel der Beratung ist es, ihnen dabei zu helfen, ihre eigenen Emotionen besser zu verstehen und konstruktive Lösungen für ihre Probleme zu finden. 


6. Arbeit in Schulen, mit Jugendgruppen und in Wohngemeinschaften 

Wir arbeiten auch direkt mit Schulen, mit Jugendgruppen und Wohngemeinschaften zusammen, um das Thema Gewaltprävention frühzeitig anzusprechen. In diesem Kontext werden Programme entwickelt (z.B. „No Front“, „Respekt: Gemeinsam stärker“ oder „männlich/gewaltfrei“[ii]), die speziell auf die Bedürfnisse und Herausforderungen von Jugendlichen und ihren sozialen Nahraum zugeschnitten sind, um ihnen zu zeigen, wie sie respektvolle und gewaltfreie Beziehungen führen können. Auch Erwachsene (z.B. Pädagog:innen in Wohngemeinschaften) werden dabei unterstützt und begleitet, ein gewaltfreies Umfeld zu etablieren und zu sichern. 


7. Sensibilisierung für soziale Berufe und Beteiligung in der familiären Care-Arbeit 

In einigen Bereichen („Boys Day“, „Väterarbeit“) wird Burschen und jungen Männern die Möglichkeit geboten, Männer in sozialen Berufen kennen zu lernen und sie einen Tag lang in der Arbeit zu begleiten. (Werdende) Väter werden mit unterschiedlichen Angeboten der Beratung und Begegnung darin gefördert, Familien und Erwerbsarbeit gerecht aufzuteilen und die eigenen Entwicklungspotentiale hin zu einer fürsorglichen und präsenten Vaterschaft zu entdecken. Das stärkt auch ihre Kinder durch ein gewaltfreies Heranwachsen und wirkt nachhaltig gewaltpräventiv. Den Burschen und jungen Männern werden diese Aspekte in diversen Kontexten verständlich gemacht. 


8. Junge Männer als Verbündete gegen Gewalt 

Junge Männer sollen nicht nur lernen, wie sie selbst nicht gewalttätig werden, sondern auch, wie sie in ihrem Umfeld auf Gewalt aufmerksam machen können und sich aktiv gegen Gewalt aussprechen. Sie werden somit als Verbündete gegen Gewalt angesprochen. Denn schweigen angesichts beobachteter Formen von Gewalt wird als Zeichen von Duldung verstanden. Ein wichtiger Kooperationspartner im Eintreten gegen Gewalt ist die „White Ribbon“-Kampagne Österreich, in der sich junge Männer engagieren oder die sie mit einem finanziellen Beitrag unterstützen können.  


Als Beratungsstelle und Mitglied des Dachverbandes der Burschen- Männer- und Väterarbeit in Österreich (DMÖ) sind wir gefordert, selbst auch lauter zu werden und uns als Verbündete im Eintreten gegen jegliche Form von Gewalt zu positionieren. Wir sprechen laut aus: Gewalt an Frauen ist kein Frauen-, sondern vor allem ein Männerthema! Jedes Jahr unterstützen wir die Kampagne 16 Tage gegen Gewalt und sprechen uns auch rund um den 8. März, dem internationalen Frauentag für Gleichberechtigung und gegen Gewalt an Mädchen und Frauen aus.  


 


Bild des Autors Hubert Steger zu sehen. Er trägt ein blaues Hemd und Brillen.

Mag. Hubert Steger ist Klinischer – und Gesundheitspsychologe ist seit August 2025 fachlicher Geschäftsführer der Männerberatung Wien, wo er bereits seit 2006 arbeitet. Er hat sich vor allem im Bereich Betroffenenarbeit und Prozessbegleitung (für männliche Betroffene von Gewalt von 6-99 Jahren), in der präventiven Jugendarbeit und der Familienberatung (mit dem Schwerpunkt fürsorgliche Vaterschaft) fachlich engagiert und Erfahrungen aufgebaut. Von 2007 bis 2018 war er in leitender Funktion in der psychologischen Diagnostik von sexuell grenzverletzenden männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen beim Verein LIMES tätig. Er hat einige Fachtexte zu den Themen Vaterschaft und Jungen als Betroffene sexualisierter Gewalt im Sport veröffentlicht.  


Hubert ist erreichbar unter steger@maenner.at. Nähere Informationen zur Arbeit der Männerberatung sind im Jahresbericht unter https://www.maenner.at/wp-content/uploads/jahresbericht-maeb-2024-1.pdf zu finden.  



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[i] 10. Bezirk in Wien

[ii] „männlich/gewaltfrei“ ist ein ganz neues Projekt, zu dem es aktuell noch kein Online-Material gibt.

Fragen dazu bitte direkt an die Männerberatung.


  


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